Die Sonntagspredigt vom 8. Juni 1997

Arthur Heilmann (Theologe):

Ja zum Nein

Liebe Freunde,

Wir alle lieben es, ja zu sagen. Ja ist positiv, ist freudig, ist ein Ja zur Welt, zu anderen Menschen, ein Ja zum Glück, zum Schönen. Menschen, zu denen wir Ja sagen freuen sich über uns. Dinge und Ereignisse zu denen wir Ja sagen erblühen ganz von selbst. Ein Ja erschafft eine Türe wo vorher keine war. Ja ist ein Zauberwort, ein Sesam-öffne-Dich, das Grenzen und Barrieren überwindet - mühelos. Überall gibt es die Ja-Slogans, die uns auf Plakatwänden ermuntern: Ja zu Dir, Ja zu Cola light, Ja zur Leichtzigarette Ja Ja Ja. Jeder von uns kennt das prickelnde kraftvolle Gefühl eines Ja, das mit entschiedener Klarheit ausgesprochen wird. Dieses Ja versetzt Berge, erlaubt Wunder, die Welt fängt an zu singen und zu tanzen in diesem Ja. Dieses Ja begrüßen wir, wir sehnen uns danach. Wir wollen genau dieses und nichts anderes.

Aber was ist mit unseren anderen Jas, den halbherzigen, unglücklichen. Die Jas, die Ja sagen und unbedingt Ja wollen, aber innerlich Nein meinen? Dieses Nein will unser Ja vergällen und beschmutzen. Es kommt irgendwoher. Wir sagen Ja in der festen Absicht Ja zu sagen und dann geht es los: ein Flackern, eine Unruhe, wir fühlen uns unwohl, wie ertappt bei einer Lüge und haben doch Ja gesagt und wollten Ja meinen und dennoch, dieses Ja will sich nicht so recht entfalten, es ist müde, es ist unaufmerksam. In seinem Herzen birgt es ein Nein, das sich schäbig in das Ja hineingekrochen hat. Wir wollten ein Ja sagen und jetzt DAS. Wir werden unsicher, fangen an zu denken ....wenn der andere das merkt ist das furchtbar, ich mache mich unglaubwürdig, vielleicht lächerlich... .

Ein innerer Streit hat begonnen. Wir probieren es mit einem nachdrücklicheren und lauteren Ja um dieses unerwünschte Nein zu übertönen. Wir verrenken uns, gehen im Zimmer auf und ab finden Erklärungen um den anderen zu überzeugen daß wir wirklich Ja meinen wenn wir Ja sagen. Wir werden immer lauter und verhaspeln uns in Rechtfertigungen. In diesem Moment ist es schon längst aus mit dem Ja; es ist eine pure Floskel geworden mit der wir uns umgeben um unser Nein, das uns so verunsichert zu verbergen, um unser Nein geheimzuhalten; denn das Nein soll und darf nicht in Erscheinung treten, es könnte schädlich sein, Schmerzen hervorrufen, Menschen könnten sich zurückgestoßen fühlen, Dinge und Ereignisse nicht stattfinden, Ehen zerbrechen, Jobs und Besitz könnten weggenommen werden, Menschen nicht kennengelernt, Plätze nie gesehen, Musik nicht gehört und Geschmäcker nie gekostet. Das Nein würde uns abtrennen von allem, was gut, schön und erstrebenswert ist. Und doch ist es da, unerbittlich und nagt an unserem Ja, das wir uns so praktisch ausgedacht haben.

Das Nein ist unsere kleine feine Stimme, unsere Grenze, unser Schutz für uns selbst. Es reguliert und behütet, es ist nicht gegen uns. Es signalisiert, daß wir uns unserer selbst bewußt sind. Es zeigt, daß wir uns selbst wertvoll sind. Und es zeigt wie wertvoll uns der andere ist indem wir ihm unsere Ehrlichkeit zeigen und Raum geben, selbst Nein zu sagen. Ein Nein muß nicht laut sein um gehört zu werden. Es muß nicht aggressiv sein um eine Existenzberechtigung zu haben. Ein Nein darf leise sein, es kann lächeln und liebevoll sein. Das Nein erschafft Klarheit, es wird ebenso Türen öffnen, Berge versetzen, Wunder erlauben wie das Ja; denn das Nein und das Ja sind von derselben Essenz.

Liebt sie beide wie zwei Kinder mit verschiedener Augenfarbe, verschiedenen Talenten. Liebt sie beide wie zwei Blumen - eine Tulpe und eine Rose. Der Weg in die Liebe erschafft einen Raum, in dem das Ja und das Nein ausdrücklich erlaubt sind.